Offensichtlich kann sich eine asymmetrische Sprache1 nicht in einer Sprachgemeinschaft halten, die nach Geschlechtergerechtigkeit strebt. Die Asymmetrie passt nicht zu dem allgemeinen Wunsch und wird langsam aufgelöst. Zwei völlig gegensätzliche Wege scheinen denkbar:
- Eine Entsexualisierung der Sprache. Das ist der Weg, den fast alle unsere Geschwistersprachen per natürlicher Sprachentwicklung in den letzten Jahren gingen. Das passierte per natürlicher Sprachentwicklung; weder politische noch Gerichtsentscheidungen gaben diesen Weg vor. Dabei lösten sich die einzigen geschlechtsanzeigenden Formen, also solche Feminina wie actress oder lärarinna auf und machten Platz für Oberbegriffe wie actor oder lärare. Diese stehen nun allein für wirklich alle, für Frauen, Männer und die dazwischen; ein Paradies der Gleichberechtigung.
- Der andere Weg ist die Sexualisierung der Sprache, die wir gerade im Deutschen erleben.
Wir lassen die Oberbegriffe fallen, und sehen uns auf einmal zur Aufzählung der geschlechtlichen Formen gezwungen; selbst wenn es nicht um Geschlechter geht. So reden wir beispielsweise nicht mehr von Franzosen, die den Athleten zuwinken, sondern von Französinnen und Franzosen, die den Athleten und Athletinnen zuwinken. Diese Entwicklung passierte interessanterweise nicht aus der Sprachgemeinschaft heraus, sondern wurde vom verschiedenen Gruppen vorangetrieben und durch Legislative und Gerichte eingefordert.
Während sich der Weg unserer Geschwistersprachen schon lange bewährt hat2, zeigen sich auf unserem, dem sexualisierenden Weg, immer größere Probleme:
- Wir entfernen uns immer weiter vom Ziel, dass es nicht ums Geschlecht, sondern um den Menschen gehen soll. Statt dessen müssen wir nun ständig die Geschlechter im Blick haben, um sie auf keinen Fall falsch zu benennen.
- Der Weg der Sexualisierung ist im Gegensatz zu dem der Entsexualisierung mit einem deutlich größeren Eingriff in die Sprache verbunden. Konkret verlieren ca. 15.000 Nomina Agentis3 ihre Funktion als Oberbegriffe, und werden statt dessen den Männern zugeschrieben.
Diese massive Änderung löst bei vielen Irritationen bis Empörung aus. Einige Parteien versuchen, diese Menschen als Wähler anzulocken, indem sie die alte Sprache zurück versprechen. Wie verlogenen das gerade bei der AFD ist, zeigt ein einfacher Blick in die Reden ihrer mehr oder weniger heimlichen Idole.4
Auf diesen Seiten hier geht es darum, wieso ausgerechnet die deutsche Sprache auf diesen mehrfach ungerechten und demokratiegefährdenden Weg gekommen ist.
Und darum, welche weiteren Folgen zu erwarten sind, wenn es bei diesem Weg bleibt.
Und letzten Endes darum, wie unsere Sprache aus der Sackgasse heraus kommen kann und wieder einfach und nicht nur dem Namen nach gerecht wird.
Demnächst soll es hier zwei verschiedene Einstiege geben, einen entspannteren und einen wissenschaftlicheren.
Vorerst gibt es nur den zweiten, etwas schwerer verdaulichen.
Fußnoten
- Eine Sprache, die die Geschlechter auf unterschiedliche Art benennt ↩︎
- Sie liegen in allen Gender-Equality-Rankings weit vor uns. ↩︎
- Nomina = Wörter, Agentis = Handelnde. Gemeint sind Wörter für handelnde Menschen, wie Lehrer, Sänger, Student. Sie existieren zwar weiter, aber nicht mehr als Oberbegriffe, sondern nur noch für Männer. ↩︎
- Die ersten, die in großem Umfang den Abbau der Nomina Agentis betrieb, waren Hitler und Goebbels. Allein die Doppelnennungen in Goebbels Totale-Kriegs-Rede führten bei ihrer Erstausstrahlung zu ca. 300 Mio Rezeptionsvorgängen, und zwar bei einem gleichgeschalteten, also zum unreflektierten Folgen bereiten Volk. ↩︎
