Auf der Startseite ging es darum, in welch eigenartige Sackgasse unsere Sprache geriet.
Hier geht es um das Wieso.
Unsere persönlichen Vorlieben, also ob wir pro oder contra Gendersprache sind, stören dabei. Statt subjektiver Bewertungen geht es um eine objektive Beleuchtung des Ist-Zustandes. Dazu nutzen wir eine Art auf extrem langsame Entwicklungen spezialisierte Drohne, die über den Tellerrand des Streits hinaus fliegt und aus der Vogelperspektive einen klaren Überblick zeigt. Einen, den wir nicht sehen, wenn wir uns tief unten auf der Ebene des Streites befinden.
Es geht also nicht darum, welche Seite des Gendersprachenstreits Recht hat, sondern wie es dazu kam, dass unsere Sprache zu einem Streitthema wurde, das heute sogar unsere Demokratie bedroht. Wo spaltendende, auf Emöprung setzende Parteien auf einfachste Art Wählerstimmen gewinnen. Sie versprechen die alte Sprache zurück.
Der Vergleich als Werkzeug zur Erkennung von Entwicklungen
Unser Werkzeug, die eben angesprochene Drohne, ist der Vergleich.
Ohne Vergleiche wäre Charles Darwin nie auf die Mechanismen der Evolution gestoßen. Genau wie die Sprachentwicklung passieren die Vorgänge viel zu langsam, um sie per direktem Blick zu erkennen.
Ähnlich, wie Darwin nahe verwandte, aber unterschiedliche Finkenarten auf den Galápagos-Inseln miteinander verglich, wollen wir hier unsere Sprache mit den nahe verwandten, aber unterschiedlichen Geschwisterspachen vergleichen.
Darwins Blick richtete sich auf die verschiedenen Schnabelformen der Finken auf den verschiedenen Inseln. So erkannte er, dass sie ursprünglich einmal eine gemeinsame Art gewesen sein mussten. Sie wurden aber langsam immer unterschiedlicher, weil sie in verschiedenen Regionen lebten, und es dort unterschiedliche Einflüsse gab.
Seine Erkenntnis: nicht Gott hat die Tiere erschaffen, sondern sie entwickelten sich auf eine damals noch nicht bekannte Art. Wir können uns heute kaum vorstellen, welch ein Sakrileg das in der damaligen Zeit war.
Bei Sprache ist es ähnlich. Unsere Vorfahren dachten noch vor wenigen hundert Jahren, dass auch sie gottgegeben wäre. Sie in Frage zu stellen, sie sogar zu ändern war undenkbar. Auch Sprache entwickelt sich ähnlich wie Organismen sehr langsam, wir können ihr dabei nicht direkt zuschauen.
Mit unserem heutigen Wissen können wir aber nun etwas tun, was Darwin damals nicht konnte: Wir können die Methode des Vergleichs nutzen, um von den „Schnabelformen“, also unserer Sprache und der unserer Geschwister, auf die Kräfte zurückschließen, die zu diesen Schnäbeln, also diesen weiterentwickelten, verschiedenen Sprachen geführt haben.
Der Vergleich im Detail
Vergleichen wir also die Geschwistersprachen der „germanischen Sprachfamilie. Keine Sorge – weil wir uns nur auf unsere Sprachfamilie konzentrieren, werden Ihnen die fremden Sprachen, von Isländisch über Englisch und Niederländisch bis zu den drei skandinavischen Sprachen vielleicht bekannter vorkommen, als Sie denken.
Haben Sie bitte bei all den Unterschieden im Hinterkopf, dass diese Geschwistersprachen vor ungefähr 2.300 Jahren noch eine einzige Sprache waren. Gesprochen wurde sie rund um die westliche Ostsee – dort, wo heute Schweden, Dänemark, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern liegen. Die Menschen waren verbunden genug, um per Schifffahrt zu handeln und miteinander zu reden, aber zu weit entfernt, um auf lange Sicht bei einer Sprache zu bleiben.
Diese gemeinsame Ausgangssprache hatte vor ihrer Aufspaltung drei Genera, und natürlich auch Endungen für Frauen. Leider gibt es aus dieser Zeit keine schriftlichen Aufzeichnungen. Schauen wir uns stattdessen die Sprachformen an, wie sie heute aussehen. Also den englischen Schnabel, den schwedischen, und vor allem den deutschen! Aus ihrer ‚Schnabelformen‘ können wir vielleicht zurückschließen auf die historischen Kräfte, die zu ausgerechnet diesen Formen führten!
Die folgenden Tabellen zeigen die Entwicklung dreier unterschiedlicher Wortgruppen innerhalb der germanischen Sprachen. Das Ziel des Vergleiches ist, Besonderheiten der deutschen Sprache zu erkennen, um in einem späteren Schritt der Ursache für den deutschen Sonderweg auf die Spur zu kommen.
Lassen Sie sich Zeit, achten Sie vor allem auf den Vorher/Nachher-Vergleich, auch auf den Zeitraum des Wandels. Und natürlich auf das Ergebnis des Wandels.
| Lehrer | Situation vor dem Wandel | Wandel | Situation nach dem Wandel | ||||
|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Oberbegriff | Feminina | Maskulina | Oberbegriff | Feminina | Maskulina | ||
| Deutsch | Lehrer | Lehrerin | Lehrer | 1980-heute | — | Lehrerin | Lehrer |
| Englisch | teacher | teacheress | teacher | 19. Jh. | teacher | — | — |
| Niederländisch | leraar | lerares | leraar | 20./21. Jh. | leraar | — | — |
| Schwedisch | lärare | lärarinna | lärare | 19./20. Jh. | lärare | — | — |
| Dänisch | lærer | lærerinde | lærer | 19./20. Jh. | lærer | — | — |
| Norwegisch | lærer | lærerinne | lærer | 19./20. Jh. | lærer | — | — |
| Isländisch | kennari | kennslukona | kennari | seit langem | kennari | — | — |
| Schüler | Situation vor dem Wandel | Wandel | Situation nach dem Wandel | ||||
|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Oberbegriff | Feminina | Maskulina | Oberbegriff | Feminina | Maskulina | ||
| Deutsch | Schüler | Schülerin | Schüler | 1980-heute | — | Schülerin | Schüler |
| Englisch | pupil | pupilless | pupil | 19. Jh. | pupil | — | — |
| Niederländisch | leerling | leerlinge | leerling | 20./21. Jh. | leerling | — | — |
| Schwedisch | elev | elevinna | elev | 19./20. Jh. | elev | — | — |
| Dänisch | elev | elevinde | elev | 19./20. Jh. | elev | — | — |
| Norwegisch | elev | elevinne | elev | 19./20. Jh. | elev | — | — |
| Isländisch | nemandi | nemandi (w.) | nemandi | seit langem | nemandi | — | — |
| Influencer | Situation vor dem Wandel | Wandel | Situation nach dem Wandel | ||||
|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Oberbegriff | Feminina | Maskulina | Oberbegriff | Feminina | Maskulina | ||
| Deutsch | Influencer | — | — | im Gange | — | Influencerin | Influencer |
| Englisch | Influencer | — | — | — | Influencer | — | — |
| Niederländisch | Influencer | — | — | — | Influencer | — | — |
| Schwedisch | influencer | — | — | ohne | influencer | — | — |
| Dänisch | influencer | — | — | — | influencer | — | — |
| Norwegisch | influencer | — | — | — | influencer | — | — |
| Isländisch | áhrifavaldur | — | — | — | áhrifavaldur | — | — |
Notice for English Readers: The tables below have been translated into English in preparation for our upcoming Substack launch. Follow along if you’d like to read our content in English.
| Lehrer | Before Shift | Time of shift |
After Shift | ||||
|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Generic | Feminina | Maskulina | Generic | Feminina | Maskulina | ||
| German | Teacher | Lehrerin | Lehrer | 1980-present | — | Lehrerin | Lehrer |
| English | teacher | teacheress | teacher | 19th ct. | teacher | — | — |
| Dutch | leraar | lerares | leraar | 20th/21st ct. | leraar | — | — |
| Swedish | lärare | lärarinna | lärare | 19th20th ct. | lärare | — | — |
| Danish | lærer | lærerinde | lærer | 19th20th ct. | lærer | — | — |
| Bokmål | lærer | lærerinne | lærer | 19th20th ct. | lærer | — | — |
| Icelandic | kennari | kennslukona | kennari | ancient | kennari | — | — |
| Influencer | Before Shift | Time of shift |
After Shift | ||||
|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Generic | Feminina | Maskulina | Generic | Feminina | Maskulina | ||
| German | Influencer | — | — | Ongoing | — | Influencerin | Influencer |
| English | Influencer | — | — | — | Influencer | — | — |
| Dutch | Influencer | — | — | — | Influencer | — | — |
| Swedish | influencer | — | — | — | influencer | — | — |
| Danish | influencer | — | — | — | influencer | — | — |
| Bokmål | influencer | — | — | — | influencer | — | — |
| Icelandic | áhrifavaldur | — | — | — | áhrifavaldur | — | — |
Des Pudels Kern – was „Gendersprache“ im Grunde ist
Der Sprachenvergleich zeigt auf einfache und klare Weise, wo der Kern unseres Gendersprachenproblems liegt.
Es geht nicht um das, was neu eingeführt wurde, also Genderstern und Sprechpause, sondern um den Verlust der Oberbegriffe für Menschen, die etwas tun. Lehrer, Jäger, Kunde, Influencer usw..
Diese Wortgruppe gehört zu den wichtigsten überhaupt, in allen Sprachen!
15.000 Wörter verlieren fast unbemerkt ihre Jahrtausende alte Bedeutung; in einer für eine Sprache atemberaubenden Geschwindigkeit.
Viele spüren diesen Verlust, sind empört und sogar bereit, populistische Parteien zu wählen, die die alte Sprache zurück versprechen.
Aber auch die sind gefangen in dem Mechanismen der Zerstörung.
Es waren also nicht Genderstern und Sprechpause, die unsere Sprache in den Streit trieben! Schon weit vorher verweigerten Hitler und Goebbels die immer vorhandenen geschlechtsneutralen Begriffe, und verbreiteten stattdessen eine sexualisierende Sprache Millionenfach per Volksempfänger.
Genau diese Methode der permanenten Trennung nach Geschlechtern nutzt der öffentlich-rechtliche Rundfunk (ÖRR) seit ca. 2022, und führt Hitlers Eliminierung der Oberbegriffe fort. Eine fatale Ironie der Geschichte: Ausgerechnet jene Anstalten des öffentlichen Rechts, die durch die Rundfunkgesetze vor der totalitären Manipulation einer Sprache nach dem Muster des Dritten Reiches geschützt werden sollten, fällt in das alte Muster zurück. Schlimmer noch: Mit der erzwungenen binären Doppelnennung ignoriert der ÖRR im Alltag einen Beschluss des Bundesverfassungsgerichts, der den Schutz nicht-binärer Menschen vorschreibt.1
Dass der Feminismus bei der Suche nach einer gerechten Sprache ausgerechnet diesen Weg wählte, ihn sogar gerichtlich durchsetzen konnte, macht die Sache nicht einfacher.
Wenn diese Sprache wenigstens so gerecht wäre wie behauptet! Stattdessen trägt sie, egal ob mit Doppelnennungen oder Gendergap, die Ungerechtigkeit im Fundament.2
Führt eine gerechte Sprache zu einer gerechten Gesellschaft?
Auch hier hilft ein Blick auf unsere Geschwisterspachen. Während wir unsere immer kompliziertere und trotzdem ungerechte Sprache geschlechtergerecht und gendersensibel nennen, fanden unsere Geschwistersprachen den Ausweg aus der Sackgasse. Bei gleicher Ausgangslage3 beendeten sie, wie die Tabellen zeigen, auf einfachste Art, per natürlicher Sprachentwicklung die Zweideutigkeit der Kurzformen wie „Lehrer“ oder „Schüler“. Sie taten das, indem sie die Feminina strichen, um ihre Kurzbegriffe wie „Lehrer“ und „Schüler“ fortan als eindeutige Oberbegriffe zu behandeln.
Mit diesem Schritt nennen sich unsere Geschwistersprachen zwar nicht „gendergerecht“, sind es aber. Mit „teacher“ oder „leerar“ sind dort alle Menschen gemeint, die lehren. Männer, Frauen und die dazwischen.
Wir dagegen machen das Gegenteil:
Wir nennen unsere Sprache gerecht, sie ist es aber nicht. Denn sie ordnet Frauen sprachlich Männern unter, und verschweigt nonbinäre Menschen.
Eine Sprache wird aber nicht dadurch gendergerecht, dass man sie dazu erklärt, sondern dadurch, dass sie es ist.
Wie es um die reale Gerechtigkeit in unseren Sprachräumen bestellt ist, zeigen internationale Rankings auf beeindruckende Art:
Wenn wir tatsächlich glauben, dass Sprache die Gesellschaft formt, sollten wir einmal schauen, wieso all diese Länder, die mit uns einmal eine Sprache geteilt haben, uns jetzt in Sachen Gendergerechtigkeit so in den Schatten stellen.
Welches Umfeld zu unserem Weg führte
Der Vergleich zeigt ein klares Ergebnis: einen eindeutigen Sonderweg der deutschen Sprache.
Das führt uns natürlich zur Frage, wieso unsere Sprache diesen Weg ging.
Darwins Werkzeug des Vergleichs hilft auch hier weiter. Er sah die verschiedenen Finkenschnäbel und die verschiedenen Umweltfaktoren auf den Inseln. Verwandte Tiere, deren Schnäbel sich aber deutlich unterschieden. Interessant war, dass die Schnäbel gut zum Nahrungsumfeld auf ihren Inseln passten.
Sein Rückschluss: Die Arten müssen sich über einen langsamen Entwicklungsprozess an ihr Umfeld angepasst haben.
Im Gegensatz zu ihm wissen wir heute, dass sich nicht nur die Arten entwickeln, sondern auch die Sprachen.
Wir wissen, wie unsere Sprache aussieht, und kennen die unserer sprachlichen Geschwister. Wir wissen sogar gut, wie unsere gemeinsame Sprache vor 2.000 Jahren aussah.
Was wir aber nicht wissen: Wieso entwickelten sich unsere Geschwistersprachen in die eine Richtung, und unsere eigene sich in die andere?
Wieso warfen sie ihre Feminina aus ihren Sprachen, und wir hoben sie stattdessen aufs Podest, ins Rampenlicht?
Die Logik der evolutionären Prozesse ist klar. Es entwickelt sich das, was Sinn ergibt. Seit wir das wissen, brauchen wir uns nur die Finkenschnäbel anzuschauen und können so erahnen, was es auf ihren Inseln zu fressen gab.
Diese Logik hilft uns auch bei unserer Frage: Wieso entwickelte sich die deutsche Sprache ausgerechnet so wie oben zu sehen.
Was muss damals auf unserer deutschsprachigen „Insel“ los gewesen sein, dass sich die Sprache ndort so entwickelte; dass sie also nicht von den Feminina loslassen konnte?
Ursachenforschung: die verschiedenen Schnäbel und die verschiedenen Sprachen
Was erzählt uns nun die Art, wie wir reden, über unsere damalige Welt?
Die Geschwistersprachen verwarfen die Feminina, und wählten stattdessen das generische, das Zusammenfassende.
Männer, Frauen, Inter- und Asexuelle, Männer, die sich gerne wie Frauen kleiden, Frauen, die sich gerne wie Männer geben, sie alle finden in dieser Sprache einen gleichberechtigten Platz.
Auf deutschsprachigem Gebiet muss etwas passiert sein, das die Sprache hier anders wachsen ließ.
Etwas, das die Feminina nicht aus der Sprache entlassen wollte, sondern sie stattdessen ins Rampenlicht holte.
Nicht nur heute, wo es im ÖRR keine Sendung mehr ohne eine Flut von Feminina gibt.
Auch schon vor 100 Jahren, wo die Feminina zu einem festen Bestandteil der NS-Propaganda wurden.
Das ist unser aktueller „Schnabel“, daran führt kein Weg vorbei. Bei uns stehen heute und standen schon vor 100 Jahren die Feminina im Rampenlicht. Und wie der tabellarische Vergleich zeigt, führt das zum systematischen Ende der Oberbegriffe.
Wieso aber ausgerechnet bei uns diese Betonung der Frau statt die der Gemeinschaft?
Das ist die Frage, der wir uns auf den nächsten Seiten zuwenden.
Um das zu beleuchten, gehen wir Schritt für Schritt in die Vergangenheit; beginnend beim Feminismus der letzten Jahrzehnte.
Fußnoten:
- BVG 2017: Intersexuelle Menschen dürfen nicht im Zusammenhang mit ihrer uneindeutigen Geschlechtszugehörigkeit diskriminiert werden. ↩︎
- Frauen werden sprachlich von Männern abgeleitet, Minderheiten werden verschwiegen, die Sprache wird komplizierter und benachteiligt Menschen mit eingeschränkter Sprachbegabung ↩︎
- Wir sprachen vor ca. 2.000 Jahren noch eine gemeinsame Sprache. ↩︎
- European Index of Gender Equality EIGE 2024: Schweden 1, Dänemark 2, Niederlande 2, Finnland 5, Deutschland 10, Österreich 11 ↩︎
- Global Gender Gap Report GGGR 2024: Island 1, Finnland 2, Norwegen 3, Schweden 5, Dänemark 9, Niederlande 28, Deutschland 10, Österreich 24, Schweiz 26 ↩︎
