Kann es wirklich sein, dass wir uns im Deutschen so etwas wie ‚vergendert‘ haben? Machen Sie sich bitte ihren eigenen Eindruck:

Das erste Audio zeigt unsere heutige Sprache, wie sie sich gerade im Rundfunk durchsetzt. Hier eine Live-Übertragungen der Olympia-Eröffnungsfeier 2024 in Frankreich. 28 Sek. von 4:06.55 Stunden, die sich lohnen. Darin genannt 9 Nomina Agentis, also Namen für handelnde Menschen: Zuschauer, Athleten, Schwimmer und Medaillenträger.
(Angaben zu Foto1 und Audio2 siehe unten)

Das zweite Beispiel ist die Totale-Kriegs-Rede von Goebbels, wahrscheinlich die schlimmste Rede, die je auf deutschsprachigem Boden gehalten wurden. Natürlich sind auch hier Nomina Agentis, 8 Stück. Drei in der Ansprache, fünf wie oben im Fließtext: Volksgenossen, Nationalsozialisten, Arbeiter und Bürger.
Hören Sie bitte und vergleichen.
(Angaben zu Foto3 und Audio4 siehe unten)
Wie ist Ihr Eindruck?
Erstaunlich wenige erschrecken, sondern reagieren beschwichtigend, relativierend oder als hätten sie das schon gewusst.
Reaktionen, die die Psychologie mit „kognitiver Dissonanz5“ beschreibt: „Es berührt nicht, weil nicht sein darf, was nicht sein kann.“
Wenn wir aber den Sprachenstreit lösen wollen, müssen wir verstehen, wie er entstand. Dazu müssen wir uns dieser unerhörten Realität stellen; selbst wenn sie kaum zu ertragen ist:
Seit wenigen Jahren hören wir im ÖRR6 dieselbe sexualisierende Sprache, mit der Goebbels 1943 das Volk in den Totalen Krieg führte.
Manche werden einwenden, dass Doppelnennungen nicht deswegen schlecht sind, nur weil die Nazis sie sprachen. Genauso wie vegetarisch essen oder Nichtrauchen nicht dadurch schlecht sind, weil Hitler Vegetarier und Nichtraucher war. Wenn also die Nazis schon damals gerecht sprachen, wo ist das Problem?
Wenn es nur so einfach wäre. Der große Unterschied:
So sehr die Doppelnennungen auch mit respektvoll klingenden Etiketten wie „geschlechtsdifferenzierend“ und „gendersensibel“ belegt wurden, so sind ihre dunklen Seiten für jeden sichtbar, der sich hinzuschauen traut:
- Die Sprache, um die es da geht, leitet Frauen sprachlich von Männern ab. Das, was wir „gerechte Sprache“ nennen, ist in Wirklichkeit das Gegenteil: sie ordnet Frauen sprachlich den Männern unter7. Was gut zum Menschenbild der Nazis passte, aber doch nicht unserem!
- Ein weiterer Abgrund: Diese Sprache verbindet nicht, sondern trennt und grenzt aus. Sie separiert Frauen von Männern, und grenzt gleichzeitig Menschen, die weder als Mann noch Frau auf die Welt kamen, durch Nichtnennung aus. Eine tragische Diskriminierung8 in ihrem ursprünglichsten Sinn, die sogar gesprochenes Recht bricht9.
Manche zu markieren und andere nicht, ist genauso unwürdig wie Minderheiten durch Nichtnennung zu verschweigen. So gingen Nazis mit Menschen um, aber doch nicht wir! - Die für unsere Sprache problematischste Seite aber: Jede einzelne Doppelnennung, also jedes „Bürger und Bürgerin“ zerstört durch ihre innere Logik die ursprünglichen Oberbegriffe, hier den „Bürger“. Es geht um ca. 15.000 Nomina Agentis, von Arbeiter bis Zauberer, die gerade langsam, aber sicher ihre Funktion verlieren. Erst durch die massenhaften Doppelnennungen der NS-Propaganda, jetzt durch die ’neue‘ Sprache im ÖRR.
Hier, im Abbau einer für unser Zusammenleben enorm wichtigen Wörtergruppe, liegt der eigentliche Grund für die Wut vieler über die „Gendersprache“. Das geht leider so weit, dass viele hiervon bereit sind, eine AfD zu wählen, die die „alte Sprache zurück“ verspricht. Die auch noch im selben Atemzug „Grüne, Woke und den Feminismus“ für die Sprachzerstörung verantwortlich macht. Dabei waren es in Wirklichkeit ihre eigenen Idole, die vor fast 100 Jahren mit genau dieser Zerstörung begannen. Verlogenheit und anderen die Schuld in die Schuhe schieben waren schon immer typische Nazistrategien.
Die zerstörten Oberbegriffe stammen übrigens aus einer Zeit, als unsere „germanische Sprachfamilie“, also das Englische, Niederländische, Dänische, Schwedische, Norwegische und Isländische noch mit uns zusammen in einer Sprache vereint war. Wie schafften es unsere Geschwistersprachen, ihre wertvollen Nomina Agentis zu bewahren, während wir gerade dabei sind, sie zu opfern? Und damit riskieren, dass sich 130 Millionen Deutsch sprechende ihrer Sprache beraubt fühlen und Demokratiefeinde wählen?
Ja, die deutsche Sprache hat sich vergendert.
Wann und wie ist das passiert?
Die Nazis waren auf jeden Fall die ersten, die die destruktiven Doppelnennungen per Radiotechnik mit einer nie dagewesenen Wucht verbreiteten.
Aber erfunden haben die Nazis diese Sprachform nicht. Das passierte lange vorher, sogar bevor wir mit unseren Geschwistersprachen noch in einer einzigen Sprache vereint waren.
Was gut sein kann:
Dass der deutsche Sonderweg zu einer Zeit begann, als ausgerechnet auf deutschsprachigem Boden etwas passierte, was unsere Geschwistersprachen so extrem nicht kannten: Nirgends wurden zur Zeit der Hexenverfolgungen so viele Menschenleben vernichtet wie bei uns, und nirgends richtete sich dieses Morden extrem gegen Frauen.
Könnte damals, im Kampf gegen dieses furchtbare Frauenmorden, etwas mit unserer Sprache passiert sein, das bei unseren weniger frauenfeindlichen Geschwistersprachen nicht passierte?
Was ebenfalls sein kann: auch bei uns die Feminin-Endungen ausgelaufen wären, wenn da nicht seit 1933 zwei Strömungen passiert wären, die diesen Prozess nacheinander verhinderten: erst die NS-Propagandaverbreitung über den Volksempfänger, und 40 Jahre später das unbewußte Zurückgreifen auf diese Sprache durch den Feminismus.
Seien Sie gespannt auf die nächsten Seiten, die sich alle um ein einziges Ziel drehen:
Herausfinden, wie der Sprachenstreit entstand, um ihn zu beenden.
Fußnoten:
- Foto: Fackellauf bei den Olympischen Spielen in Paris (Ausschnitt) von Marco Verch (Quelle: ccnull.de), lizenziert unter CC BY ↩︎
- Audio-Zitatnachweis (§ 51 UrhG): Kommentar zur Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele Paris 2024, Eurosport/TNT Sports (Live-Übertragung vom 26.07.2024). Umfang: 28 Sek. (Belegstelle 9 Nomina Agentis) aus 04:06:55 Std. Gesamtsendung. ↩︎
- Reichspropagandaminister Goebbels: Bundesarchiv, Bild 102-17049 / Georg Pahl / CC-BY-SA 3.0 ↩︎
- Lizenzrechtliche Audiodatei der Rede Goebbels: Urheberrecht 2015 abgelaufen, 70 Jahre nach Goebbels‘ Tod.
Original: [Link: https://archive.org/details/JosephGoebbels-Sportpalastrede],
Ausgeschnitten wurden 8 über das Dokument verteilte Passagen:
0:02 Meine deutschen Volksgenossen und Volksgenossinnen! (erste Ansprache)
0:05 Parteigenossen und Parteigenossinnen. (zweite Ansprache)
57:29 Hunderttausende fleißiger und anständiger Arbeiter und Arbeiterinnen,
58:23 Arbeitern und Arbeiterinnen, die nach einjährem, harten Einsatz Anspruch auf Urlaub haben,
1:00:15 für jeden Bürger und jede Bürgerin des Staates
1:04:22 Freimachung von Arbeitern und Arbeiterinnen für die Rüstungswirtschaft
1:25:40 meine deutschen Volksgenossen und Volksgenossinnen (dritte Ansprache)
1:27:53 ein Block von Rüstungsarbeitern und -arbeiterinnen ↩︎ - Kognitive Dissonanz, hier beschrieben in Wikipedia ↩︎
- ÖRR = Öffentlich-Rechtlicher Rundfunk ↩︎
- Luise Pusch, oft „Päpstin der Gendersprache“ genannt, zu den Feminina in den Doppelnennungen: „Eigentlich ist dieses “-in” für Frauen eine schwere Diskriminierung. Das zeigt eigentlich, die sind nicht die Norm, sondern eine Ableitung von der Norm.“ ↩︎
- In Doppelnennungen, wie z.B. „Bürger und Bürgerinnen“, werden Menschen ausgeschlossen, die schon bei ihrer Geburt weder zum weiblichen noch zum männlichen Geschlecht passten. Das Bundesverfassungsgereicht hat 2017 darauf hingewiesen, dass diese Menschen nicht aufgrund ihrer Situation ausgeschlossen werden dürfen. Jede Doppelnennung tut aber genau das, und verstößt gegen unser geltendes Recht. ↩︎
- Das deutsche Verfassungsgericht schützt ausdrücklich intersexuell geborene Menschen vor Diskriminierung aufgrund ihrer fehlenden Zuordnungsfähigkeit zu einem der beiden Geschlechter ↩︎
