Zwei nachdenkliche Diskussionsbeiträge nach einem Vortrag zur NS-Sprache und der Entwicklung der Genderspache haben Ende 2025 jenseits der Aufladungsthese eine weitere Erklärungsmöglichkeit unserer paradoxen Sprachentwicklung ans Tageslicht gebracht:
- Der Nationalsozialismus kann die Doppelnennungen nicht in die Sprache gebracht haben, denn es gab sie schon lange vorher. Er kann sie höchstens durch ihre pure Masse 12 Jahre lang etwas vorangebracht haben.
- Auch während dieser Zeit gab es natürliche Sprachentwickung, erst recht danach. Eigentlich sollte zu erwarten sein, dass spätestens nach ’45 langsam, aber sicher die Entwicklung einsetzt, die bei unseren Geschwistersprachen passierte.
Gerade in ihrem Zusammenspiel führen diese beiden Punkte zu einer völlig neuen, anderen Erklärungsmöglichkeit.
Lag der Einfluß der Nazizeit vielleicht nicht im Vranpeitschen einer neuen Sprache, sondern im Verhindern einer natürlichen Entwicklung?
Einer Entwicklung, die sich nach den Regeln dern natürlichen Sprachentwicklung eigentlich hätte abspielen müssen!
Sprachen entwickeln immer weiter, oft Richtung Sprachökonomie, oft auch in Richtung ‚Sprachmode‘, wie der Einzug des „bro“ in die Jugendsprache gerade zeigt.
Einen besonders hohen Entwicklungsdruck hat die Sprache natürlich, wenn es ihr an den Kragen geht; wenn also ihre Zersetzung droht. Genau das dürfte passiert sein, als seit der Aufklärungszeit immer mehr Frauen in Kultur, Verwaltung und Arbeitswelt fanden, und das auch zu Recht.
Wenn von „Arbeitern und Arbeiterinnen“ oder von „Freunden und Freundinnen“ gesprochen wird, löst das beim Hörer den Eindruck aus, dass „Arbeiter“ und „Freunde“ nur noch die Männer sind. Je mehr Doppelnennungen die Ohren eines Menschen erreichen, desto unsicherer wird er, ob in Sätzen wie „Arbeiter, wir müssen für unsere Rechte kämpfen“ oder „Ich will noch meine Freunde einladen.“ Die Männer oder alle gemeint sind.
Jede Doppelnennung trägt also zum langsamen Abbau der Oberbegriffsfunktion der 15.000 Nomina Agentis bei! Und damit zum langsamen Sterben einer Jahrtausende alten, für unser Zusammenleben sehr wichtigen Wörtergruppe. Um so mehr, je weiter die Gleichberechtigung in dieser Sprachgemeinschaft voran schreitet!
Für die natürliche Sprachentwicklung ein absolutes Alarmsignal. Eine Lösung mus her. Die ersten, die reagieren mussten, waren ausgerechnet die Länder, in denen die Frauen als erste ihre Rechte gewannen.
So ist es kein Wunder, dass vor allem die skandinavischen Länder sich schnell von ihren Feminina trennten, um ihre verbindenden Oberbegriffe zu retten. Wie gesagt automatisch, ohne dass jemand das befahl.
Das gleiche passierte im Englischen, und aktuell passiert es, praktisch vor unseren Augen, im Niederländischen. Kein Wunder, die Niederländer stehen in den Gender-Equality-Statistiken weiter hinten, da konnte es auch länger dauern.
Die einige Sprache, die komplett aus der Reihe tanzt, ist die deutsche Sprache. Frauen fanden schon Ende des 19. Jahrhunderts immer häufiger in Arbeit, und auch die Einführung des Frauenwahlrecht 1918 sprechen dafür, dass das Deutsche zu Beginn des 20. Jahrhunderst „dran gewesen“ sein könnte, mit dem Ausschleifen der Feminina. Die Oberbegriffe sind einfach zu wichtig, um sie denen zu Opfern, die von ihnen abgeleitet wurden.
Eigentlich eine Sache, die eine Sprache von alleine hin bekommt. Die natürliche Sprachentwicklung wirkt, wenn niemand radikal dazwischen funkt, wie eine Schwarmintelligenz, und hat ein erstaunliches Gefühl für die richtige Entwicklung.
Was aber, wenn auf einmal aus dem Volksempfänger milliardenfach genau die Feminina gebrüllt werden, die der natürlichen Sprachentwicklung im Wege stehen und entsorgt werden müssten? Und zwar nicht von irgendwelchen Leuten, sondern von Menschen, die Halbgottstatus haben!
12 Jahre lang „Volksgenossen und Volksgenossinnen“, „Arbeiter und Arbeiterinnen“, „Bürger und Bürgerinnen“.
Wie sollten da die Feminina langsam, aber sicher, praktisch per französischem Abgang, die Bühne verlassen?
Wenn dieser Weg nicht geht, gibt es nur einen einzigen, zweiten Weg, um wieder Eindeutigkeit herzustellen: das Ausschleifen der Oberbegrifffe!
Wenn Arbeiterinnen die Frauen sind, und Arbeiter die Männer, dann müssen wohl oder übel die Arbeiter als Oberbegriff weichen. Vele spüren, dass das ein völlig paradoxer Weg ist, der viele Jahrtausende Sprachlogik auf den Kopf stellt.
Diese Sprachinterpretation hatte also im Deutschen 12 Jahre lang Zeit, sich einzunisten.
Nach 1945 wurde vieles vergessen und verdrängt, auch die Nazis und wie sie sprachen. Nicht verloren ging aber das, was sich in den 12 Jahren ins kollektive Sprachgedächtnis brannte.
Vielleicht hätte die natürliche Sprachentwicklung sogar die Kraft gehabt, den Nationalsozialismus mit seinem destruktiven Einfluß zu überstehen, wenn nicht ein weiterer Schlag dazu gekommen wäre.
Diesmal nicht von rechts, sondern völlig paradoxerweise von der anderen Seite!
Die Frauen der feministischen Linguistik waren sich zu Beginn ihres Wirkens noch nicht im Klaren, in welche Richtung es gehen sollte. Frau Pusch, die zu Beginn ihrer Karriere noch nicht den Einfluß von heute hatte, wollte, wie sie hier erzählt, in Richtung Symmetrie, also auf dem „Arbeiter für Männer und Frauen“, aufbauen. Obwohl sie den größeren Sachverstand hatte, setzten sich aber diejenigen Frauen durch, die auf ihr Gefühl bauten. Frei übersetzt: ‚Ich bin jetzt endlich ‚Dramaturgin‘, da will ich doch nicht das sich so gut anfühlende „-in“ aufgeben!‘
Es ist gut möglich, dass die Frauen ohne den NS-Einfluß auf das spätere Sprachempfinden nicht diesen paradoxen, sie benachteiligenden Weg gegangen wären. Alleine schon, dass die wissenschaftliche Kopfentscheidung den Kürzeren zog, und sich die Bauchentscheidung durchsetzte, spricht für dieses fatale Zusammenwirkung der brutalen Rechten und der feministischen Linken gegen eine natürliche Entwicklung unserer Sprache. Vielleicht war wirklich nur dieses fatale Zusammenwirken dazu in der Lage, unsere Sprache in den heutigen Schiefstand zu bringen.
Heute ist es sogar so, dass Gerichte diesen Weg blockieren. Die natürliche Entwicklung zu einer einfachen und gerechten Sprache, die unsere Geschwistersprachen gingen, ist schlichtweg nicht mehr möglich. Wer heute eine Stellenausschreibung für Busfahrer macht, muss mit Strafgeldern rechnen, und wer seine wissenschaftliche Arbeit ähnlich gerecht und symmetrisch schreibt, muss mit einer schlechteren Bewertung rechnen. Wer seinen Förderantrag nicht in der Sprache schreibt, die Goebbels am 18. Februar 1943 ins Mikrofon brüllte, wird seinen Antrag nicht genehmigt bekommen.
Eine furchtbarer und extrem festgefahrene Situation, die unbedingt untersucht und aufgelöst gehört. Bitte auf keinen Fall untersuchen durch eine Genderlinguistik, der wir diese festgefahrene Situation zum großen Teil zu verdanken haben.
